Wildes Deutschland? Armes Deutschland

Posted by admin on March 27, 2013

 

Die hochgelobte Doku Reihe Wild Germany pervertiert das Original

Weird Weekends bis zur Unkenntlichkeit. Und erntet dafür von allen Seiten Lob.

 

Die BBC startete 1998 eine ungewöhnliche Dokumentationsreihe mit dem Titel Louis Theroux's Weird Weekends. Louis Sebastian Theroux, Sohn des Reiseschriftstellers Paul Theroux, erklärte den Briten die bizarre Welt außerhalb Großbritanniens. Das besondere an dieser Serie ist der Gegensatz zwischen dem Moderator und seinen Themen. Louis Theroux ist ein gepflegter, beinahe unscheinbar wirkender Mensch mit ausgesprochen wachem Verstand, der in seiner britisch distinguierten Art dennoch das Vermögen besitzt jedem Gesprächspartner zu vermitteln, ihn ernst zu nehmen. Seine Themen scheinen nicht im geringsten zu seiner Lebenswelt zu passen. Ob es um Swinger Clubs, Hypnose, Rap, ultrafundamentale Christen, Porno oder Ufos geht, Theroux selbst wirkt für sein Gegenüber wie ein höflicher Alien. Und genau darin liegt die Stärke von Weird Weekends. Therouxs Fragen klingen für seine Interviewpartner häufig beinahe naiv, aber sie fühlen sich von ihm ernst genommen, sein Interesse ist offenkundig authentisch und nie sensationsheischend. Es kommt nicht vor, dass er sich seinem Gegenüber anbiedert, er ist im Gegenteil häufiger zögernd und hinterfragt Sachen, die ihn erstaunen auch kritisch. Man sieht ihn selten Lächeln, sein Gesichtsausdruck ist immer konzentriert. Deshalb gelangt er auch an Orte und Menschen, die normalerweise der Presse nicht zugänglich sind. Seine Bemühungen, einen Rap aufzunehmen, werden in der „Dirty South“ Szene zwar mit einem Schmunzeln aufgenommen, aber man unterstützt ihn. Obwohl man ihm keine Chancen einräumt, jemals den extrem bewachten Rapper Master P. Zu interviewen, gelingt ihm auch dies. Ähnliches geschieht in der Folge, die sich um Survivalists dreht. Menschen, die sich zurück gezogen und bewaffnet haben und nicht selten extrem rechten Gedankengut anhängen. Theroux hofft einen ihrer populärsten Vertreter treffen zu dürfen und niemand aus der Szene mag ihm dazu raten. Man geht davon aus, das er beim Betreten des Farmlandes erschossen wird. Dennoch begibt er sich dorthin. Er bekommt nicht nur ein Interview und ein Abendessen, er wird gebeten über Nacht zu bleiben.

Die Weird Weekends sind nicht nur informativ, sie sind häufig auch sehr komisch. Nicht immer. Sehr viel ernster wird es in der Nachfolgereihe America Extreme. Das Konzept blieb gleich, die Themen wurden ernster. In The City addicted to Methverschlägt es ihn nach Fresno, Kalifornien, eine Stadt, die von der Droge Methamphetamin in eine Vorhölle verwandelt worden ist. Ganze Familen werden allein von Großmüttern zusammengehalten, der Rest ist auf Speed. Hier kündigt alles den Verfall der Supermacht an. In der Dokumentation A place for Paedophiles besucht Theroux das Coalinga State Hospital, in dem über 500 Sexualstraftäter sicherheitsverwahrt werden.

Hier benötigt Theroux seine Distanz. Bei diesem Thema kann man journalistisch kaum etwas richtig machen. Und dennoch gelingt es ihm, differenzierte Bilder einzufangen, die auch Zweifel an der Art der Behandlung, sprich Umgehensweise, mit den Tätern aufkommen lassen. Das ganze, ohne sich dem Verdacht auszusetzen, unangebracht mitfühlend zu sein – aber auch ohne Sensationslust.

 

Auf ZDFneo begann 2011 die Reihe Wild Germany, von der zur Zeit die 4. Staffel gesendet wird. Wild Germany orientiert sich bei der Themenwahl offenkundig an Weird Weekends und America Extreme. Und dies scheint ausreichend, um von der FAZ bis zur taz, von der Welt bis zur Süddeutschen beinahe einhelliges Lob zu erlangen. Moderiert wird die Sendung von Manuel Möglich, der häufig verständig lächelt, gern seine Tätowierungen zur Schau stellt und sich, im weiteren Gegensatz zu Theroux, wenig Mühe mit seiner Kleidung gibt. Auch seine Locken unterscheiden ihn deutlich vom englischen Vorbild.

Inhaltlich sieht es noch düsterer aus. Der Vergleich zwischen den beiden führt zu Bewusstseinsspaltung. Auch wenn die eine Sendung von der anderen abgekupfert ist, transportieren beide gänzlich unterschiedliche Haltungen und Inhalte. Das liegt nicht nur an der Sensationslust des deutschen Ablegers, es hat auch etwas mit dem Budget zu tun. Durfte Theroux in fremde Länder reisen, um den Daheimgebliebenen die verrückte Welt außerhalb der Insel zu zeigen, will man hier die schrägen Phänomene vor der Haustür ausschlachten. Deutschland, wie wir es noch nie gesehen haben.

Wild Germany begann mit einer Sendung über bugchasing. Der Begriff bezeichnet die absichtlich herbeigeführte Infizierung mit dem HIV Virus. Es handelt sich um eine offensichtliche Schimäre, die sich an dem Topos neuerer Vampirserien anlehnt, in welchen Menschen sich absichtlich beißen lassen, um ihrerseits Vampirkräfte zu erlangen.Bereits seit 2003 gilt die Theorie als widerlegt. Auch Manuel Möglich findet keine Belege für dieses angebliche Phänomen, womit man die erste Folge als schlechte Satire abtun könnte.

In der zweiten Folge geht es um Chrystal Meth in Oberfranken. Ja, richtig gelesen. Auf den Spuren der Teufelsdroge in Bayreuth. Das sorgt für eine witzige Szene, wenn vor den Festspielen die oberen Zehntausend mit Schildern herumstehen, dass sie noch Karten suchen und Manuel Möglich, heute im Anzug, eine Pappe vor sich her trägt, die ausdrückt, er suche Chrystal Meth. Ansonsten wird hier schon deutlich, wie wenig Distanz er zu seinen Themen mitbringt. Er wundert sich, keinen Zugang zu der Szene zu bekommen, sagt aber in die Kamera, wie lächerlich er die Angst der Abhängigen vor der Öffentlichkeit findet. Genau diese Haltung ist ihm leider anzumerken. Anders sieht es aus, wenn er mit Pornoamateuren oder ehemaligen Kiezgrößen der Reeperbahn zu tun hat. Hier kann er kaum seine Faszination verbergen. Das ist sehr schade. Er wirkt, im Gegensatz zu Louis Theroux, befangen, spricht eine völlig andere Körpersprache und kann sich schwer seiner Urteile enthalten.

Wild Germany bedient sich weiter hemmungslos beim britischen Orignal, mit wenig originellen Variationen. Islam Rap, Porno, Pädophilie und deutsche Reichsregierung sollen den Zuschauer schockieren, als wären die Themen nicht längst abgegessen.

Leider reicht es dennoch für erstaunlich gute Kritiken in den Medien. Da ist von mutigem Journalismus die Rede, die abseitige Themenwahl wird gelobt, ihm wird attestiert, er würde sein Gegenüber ernst nehmen usw. Es ist, als wären Kritiken, die auf Weird Weekends zutrafen, abgeschrieben und nicht angepasst worden. Das Vorbild wird so gut wie nie erwähnt. Stattdessen wird Tom Littlewood als Erfinder des Formats genannt. Er ist Chefredakteur des deutschen Vice Ablegers und moderierte die TV-Show zu Vice. Mit Weird Weekends hatte er nichts zu tun.

Es ist für den Zuschauer bedauerlich, wenn nicht einmal das Feuilleton einfachstes Hintergrundwissen vermittelt. Für die Möglich und Littlewood ist es ein Vorteil. Wild Germany wurde 2011 für den deutschen Fernsehpreis nominiert, in der Kategorie Beste Reportage.

 

Martin B. Münch