Razzia - Rest of Volume I

Posted by admin on May 19, 2014

Aufgrund wiederholter Nachfrage - Hier ist mein Booklet Text zur neuen Razzia Platte:



1979

Das Jahr des Kindes
Die Herrschaft Pol Pots und seiner roten Khmer in Kambodscha endet mit dem Einmarsch der Vietnamesischen Armee (7.1.)

Ayatholla Khomenei ruft die islamische Republik Iran aus (1.4).
Kernschmelze im Reaktorblock 2 Harrisburg, Pennsylvania, USA (28. 3.)
Maggie Thatcher wird Premierministerin in Großbritannien (4.5.)
Arno Schmidt stirbt (4.6.)
HSV wird deutscher Meister (9.6.)
Die RAF verübt einen Anschlag auf den Nato Oberbefehlshaber Alexander Haig, der misslingt (25.6.)
Franz Josef Strauß wird Kanzlerkandidat der Union (3.7.)
Saddam Hussein wird irakischer Präsident (16.7.)
Mit dem Einmarsch der Sandinisten endet die Diktatur in Managua (19.7.)
Der Nato Doppelbeschluss erlaubt das Nachrüsten von Atomwaffen (12.12.)
Rudi Dutschke stirbt (24.12)
In Hamburg-Langenhorn wird RAZZIA gegründet. - und sie sind noch nicht Vergangenheit.

Es war die Ära des kalten Krieges, der allgegenwärtigen Bedrohung durch den Rüstungswahnsinn, der ein hundertfaches Overkill für den Ernstfall vorsah. Der Beginn der letzten Dekade der BRD. Alleinerziehende Mutter war noch ein Schimpfwort, die bürgerliche Presse setzte das andere Deutschland in Anführungszeichen. Computer waren etwas für Wissenschaftler und Polizei. Kulturell war die BRD fixiert auf die USA. Disco, Rollerskates und Softeis schienen die neuesten kulturellen Errungenschaften. McDonalds Läden machten sich breit. Im Fernsehen drei Programme und es gab noch den Sendeschluss. Dann flammte in England eine Bewegung auf, die sich allem zu verweigern schien und zugleich so viel möglich machte.
Punk, obwohl antinational, brachte die Muttersprache in die progressive Musik zurück. Der immer verhasste Schlager, allgegenwärtig. Dann die Wutexplosion. Zustände benennen, überhöhen, kritisieren. Der Aggression in der Kunst freien Lauf lassen.
Im Gegensatz zu anderen Bands sind RAZZIA nie zu Punk-Darstellern verkommen. Die Band hätte im weißen Anzug die Bühne betreten können, die Glaubwürdigkeit erspielte sich RAZZIA über die Lyrics und die Musik. Als Punkband einen Synthesizer mit auf die Bühne zu bringen, galt bis dahin als Affront gegen das Publikum. RAZZIA war das egal. Und während weite Teile der Bewegung sich der Uniformiertheit der Gegen-Ettikette ergaben, waren die Langenhorner auf einer neuen Fluchtlinie. Andreas im gemusterten Oberhemd, Rajas in hellen Hosen. Das kam manchem gewagt vor. Dabei war es nur konsequent. Aber spätestens wenn Rajas Wut sich wie Säure auf die Nervenbahnen der Zuhörer legte, verstummten die Zweifler. Dazu der harte Beat und Gitarren, die nicht mit den üblichen drei Akkorden auskamen. Die Texte, die meistens intelligenter und zynischer als die ihrer Mitstreiter waren, haben nicht unerheblich zu dem Ruf der Hamburger Bands beigetragen, in Sachen Politik keinen Spaß zu verstehen.

Die Lyrics haben mir und meinem Freund Marco den Arsch gerettet, wenn wir unsere Hausaufgaben nicht gemacht hatten und unsere selbstverfassten Gedichte vortragen sollten. Wir rezitierten RAZZIA Texte vom leeren Blatt.
RAZZIA brachten mir bei, was weder Schule noch Uni vermochten. Worte wie Benzin zu gebrauchen.
Darum dieses Intro. Nach 30 Jahren bezahle ich endlich meine Schulden.

In der noch lange nicht abgeschlossenen Geschichtsschreibung dieses Genres kommt RAZZIA eine Bedeutung zu, die sich nicht in einem Kapitel abhandeln lässt.
Hier ist Rest of Vol. 1

 

 

Martin B. Münch