Hier ist es anders!

Posted by admin on April 26, 2013

Hierzulande gibt es immer noch Menschen, die amerikanische Fernsehserien generell als Schund bezeichnen. Häufig sind es die gleichen Menschen, die glauben, dass unser Programm gar nicht so schlecht sei. Das ist ein Missverständnis. Denn gerade das US-amerikanische Serienfernsehen hat in den 90er Jahren einen qualitativen Sprung gemacht, von dem wir mit unserem ÖR Fernsehen nur träumen dürfen.

Vorreiter war das Cable Network Home Box Office (HBO), der Nachfolger des 1965 gegründeten Sterling Manhattan Cable. HBO wurde 1975 mit der Übertragung des Boxkampfes zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier mit einem Schlag berühmt, nahm 1980 noch einen zweiten Kanal auf, nämlich Cinemax, und gilt bis heute als größter Konkurrent zu Showtime. Diese Sender verdienten ihr Geld hauptsächlich mit der werbefreien Ausstrahlung von Hollywoodfilmen und stellten die erste Form des Bezahlfernsehens dar. Mit der Verbreitung der Videorekorder, die dem Zuschauer zu Hause völlig neue Wahlmöglichkeiten einräumten, schwanden die Argumente für Bezahlfernsehen zusehends. Mitte der 90er entschloss sich HBO zu Eigenproduktionen, die den Konventionen des bis dato gekannten Fernsehens mit großen Schritten davon liefen. Man ließ plötzlich den Kreativen freie Hand, um Formen zu schaffen, die den Zuschauer wieder vor dem Fernseher fesselten. Als erstes entstand die Gefängnisserie OZ (nicht in Deutschland gelaufen; einer der Regisseure ist Steve Buscemi) von Tom Fontanas, die weniger der Unterhaltung dienen, als eine Beschreibung der chaotischen Verhältnisse im Knast sein sollte. Fontanas kam hierbei zugute, dass, und das ist entscheidend für die Qualität neuerer US-Serien, für die Kabelnetzwerke, die seit den 90ern verschlüsselt übertragen wurden, die Vorschriften des restlichen Fernsehmarktes nicht galten. Während bei den frei empfangbaren Sendern der 1967 offiziell abgeschaffte Production Code (auch Hays-Code genannt, nach Will Hays, siehe Peter Mühlbauer Deep Mourning) immer noch Gültigkeit hatte, öffneten sich für die Cable-Networks künstlerische Freiräume. Während der Rest weiterhin disneysiert blieb, sich keine vulgären Ausdrücke, Gewaltdarstellungen oder Sexszenen erlauben durfte, konnten Sender wie HBO und Showtime sich nun darüber hinwegsetzen und Formate schaffen, die sich genau dieser Mittel bedienten, um inhaltliche Fragen zu vertiefen, sprich: Anspruchsvolle Stoffe zu gestalten, die ehrlich wirkten und auf einem völlig neuen Niveau ihren Witz entfalteten.

War für HBO OZ schon international ein Achtungserfolg, wurde mit Serien wie den Sopranos, Sex & the City, Six feet under, True Blood, Da Ali G. Show, The Wire, Boardwalk Empire, Game of Thrones, etc. auch der kommerzielle Erfolg immer größer.

Der Konkurrent Showtime ist u.a. für: Weeds, Die Borgias, Californication, Dexter, Nurse Jackie, Taras Welten oder The Big C. bekannt. Und das ist jeweils nur eine Auswahl der bekannteren Formate.

Der dritte bedeutende Sender, der anspruchsvolle Fernsehunterhaltung gestaltet, ist der erst 1994 gegründete Kanal fX. Während man bei fX in den ersten zwei Jahren mit Batman, WonderWoman und The green Hornet auf Unterhaltung aus den 60ern setzte und nach einem Relunch 1997 zuerst mit FOX Wiederholungen wie MASH, Eine schrecklich nette Familie, Buffy und Akte X versuchte Kasse zu machen, zeigt sich der Sender heute als einer der innovativsten auf dem weltweiten TV Markt. fX produziert The Shield, Sons of Anarchy, Rescue Me, Nip/Tuck, Damages, Louie, Archer, American Horror Story und andere.

Es ließe sich einwenden, das seien ganz andere Strukturen als bei uns. Dem wiederum könnte man mit ja, und? begegnen. Worauf basiert denn die Idee des deutschen ÖR? Es sollte vermieden werden, wieder einen Propagandaapparat entstehen zu lassen, wie es ihn im dritten Reich gab. Deshalb hat man sich am Modell Großbritanniens orientiert, strukturell. Wie kommt es dann, das sich unser Fernsehen heute so deutlich vom britischen unterscheidet? BBC und Channel 4 bieten Serien, wie: Hotel Babylon, Doctor Who, Torchwood, Merlin, The Fades, Misfits, State of Play, Call the Midwife, The Inbetweeners, Luther, Suburban Shootout, Ideal, Life on Mars, Utopia, Black Mirror, In the Flesh, Dead Set, Mayday, Lip Service, The Hour, Occupation, Lightfields etc.

Die hier aufgeführten Serien sind nicht nur kommerziell sehr erfolgreich, sie alle haben auch extrem hohe Ratings in der International Movie Data Base. Es lässt sich getrost sagen, dass ein Rating in der IMDB >7 ein Garant für Qualität ist. Es ließe sich einwenden, dass bei Serien überwiegend Fans voten, aber man kann getrost sagen, dass sich ab der 7, in den allermeisten Fällen, die Spreu vom Weizen trennt.

Bei aller Kritik an deutschen Produktionen, muss der Aspekt berücksichtigt werden, dass bei uns für einen wesentlich kleineren Markt produziert wird. Der nationale US Markt ist für sich schon wesentlich größer und traditionell verkaufen sich US-amerikanische und britische Serien im Ausland glänzend. Was die Merkwürdigkeit, dass sich Derrick weltweit extrem gut vermarkten ließ (ausgestrahlt in 102 Ländern) unberücksichtigt lässt. Andererseits ist der Topf des ÖR nicht gerade klein, wegen der hiesigen Zwangsabgabe. Es sind also Produktionsmittel vorhanden, die vornehmlich für auswechselbare Gala- oder Spielshows und Pilcher emo-core Verfilmungen aufgewendet werden. Die politische Besetzung unserer Rundfunk- und Fernsehensenderräte gerät deutlich nicht immer zum Vorteil für den Zuschauer. Und dass, trotz Zwangsabgabe, sprich Haushaltskultursteuer, alles, was irgendwie taugt, nicht zur freien Verfügung für die Zahlenden steht, ist ein Skandal, der noch lange nicht ausdiskutiert ist. Es geht bei gelungenen Hörspielproduktionen los, die schon vor 30 – 40 Jahren durch GEZ Gebühren finanziert wurden, die aber nicht nur nicht frei auf den Servern der Rundfunkanstalten zum Download bereit liegen, sondern auch nicht wiederholt werden. Stattdessen bekommen wir sie im Buchkaufhaus nebenan zu stolzen Preisen als CD feilgeboten. Das geht mit Fernsehfilmen und Serien weiter, die für jeden neuen Zyklus jeweils aktueller Abspielgeräte neu aufgelegt werden. Erst auf Videokassette, dann als DVD, jetzt als Blue Ray, bald im 4K Format, was wohl Ultra HD heißen wird. Kapitalismus ist so schön – dämlich. Mit der Haushaltskultursteuer sollte eigentlich die Forderung nach freier Verfügbarkeit kommen, stattdessen kaufen wir weiter unsere Bahnsteigkarten und glauben an „revolutionäre“ Neuerungen in der Technik. Noch brillanter, noch schöner, der alte Wein in neuen Schläuchen.

Dabei waren wir schon einmal weiter.

Wolfgang Menges großartige Adaption der britischen Sitcom Till death do us apart schrieb hierzulande Fernsehgeschichte unter dem Titel Ein Herz und eine Seele. Ja, auch die war geklaut. Geistiger Diebstahl und Variationen sind Kulturtechniken.

1969 nahm Menge die Probleme der deutschen Wiedervereinigung in der Satire Die Dubrow Krise vorweg, welche er dann 1993 von seinem Motzki so schön böse kommentieren ließ.

Wolfgang Menge schrieb die meisten Folgen für Jürgen Rolands Stahlnetz und schuf den sehenswerten Tatort-Kommissar Kressin (die Folge Tote Taube in der Bethovenstrasse wurde von Samuel Fuller gedreht und kam auch in die amerikanischen Kinos, die Musik steuerten Can bei). Diese Figur besaß einen Facettenreichtum, der nie wieder erreicht wurde. Er war charmanter als Haferkamp, frecher als Schimanski und hatte mehr Frauen als James Bond – im Gegensatz zu diesem, nahm er auch mal zwei Mädchen mit aufs Zimmer. Da kommt Christoph Maria Herbst als Kreutzer nicht mit. Nein, auf so eine Figur warten wir heute verzweifelt.

1970 bearbeitete Wolfgang Menge die Kurzgeschichte The Prize of Peril (dtsch.: Der Tod spielt mit) von Robert Sheckley und machte daraus Das Millionenspiel. Der Plot: In einer Fernsehshow, die von Dieter Thomas Heck moderiert wird, stellen sich die Bewerber als Beute für ein Killteam zur Verfügung. Der Kandidat muss eine Woche der Köhler-Bande, die von Dieter Hallervorden angeführt wird, entkommen, um das Preisgeld von einer Million DM zu erhalten. Die Zuschauer sind angehalten, entweder dem Kandidaten gegen die Köhlers zu helfen oder ihn an diese zu verraten. Zwischen den Jagdszenen gibt es Ballett-Einlagen und Werbung. In Deutschland erschien später ein Buch von Stephen King, das dieses Thema unter dem Titel Menschenjagd aufnahm - und die Vorlage zu dem Arnold Schwarzenegger Film Running Man (1987) war. Das Fernsehstudio in dem Schwarzenegger Film hat deutliche Anleihen beim Millionenspiel gemacht. Die Musik zum Millionenspiel lieferten erneut Can, die bis heute im Ausland unter Musikern am meisten geschätzte Band Deutschlands – noch vor Kraftwerk.

Zuvor aber, 1982, wurde Das Millionenspiel unter dem Titel Le prix du danger in Frankreich verfilmt, im gleichen Jahr erschien Kings Running Man in Amerika als Buch.

1993 kam dann John Woos Hard Target mit Jean Claude van Damme in die Kinos, eine weitere Adaption der Geschichte.

Wolfgang Menge bleibt die Ehre, als erster Sheckleys Idee erkannt und filmisch umgesetzt zu haben. Im deutschen Fernsehen! Ihm wird, nicht zu unrecht, angerechnet, Perversionen wie das Realty Format damit früh und in dystopischer Überzeichnung vorweggenommen zu haben.

Vier Mal der gleiche Film, damit könnte es reichen. Der Vollständigkeit halber sei aber erwähnt, dass der 2000 entstandene Film Battle Royal (jap.: Batoru rowaiaru) ebenfalls von diesem Stoff inspiriert ist. Dazu noch ordentlich William Goldings Herr der Fliegen, ein bisschen Logan's Run (dtsch.: Flucht ins 23. Jahrhundert), jede Menge Brutalität und Musik von Verdi, Schubert, Strauss und Bach und fertig ist ein Meisterwerk. Battle Royale wiederum war mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Quelle der Inspiration für die Hunger Games (dtsch.: Die Tribute von Panem).

Kultur ist ein Moloch. Es wird entliehen und nicht zurückgegeben, kopiert, gestohlen… Noch schlimmer: Wie wir immer wieder sehen, wird in ihr (also den Werken) gemordet, vergewaltigt, gebrandschatzt – es bleibt kein Verbrechen unberücksichtigt, aber viele bleiben ungesühnt. Erst wenn man Schüler erwischt, die sich mp3 Files kopieren, dann wird von Raub (ohne Waffe, ohne Bedrohung) gesprochen und man klagt ihnen die Scheiße aus dem Arsch, auf dass sie keine Zukunft haben – Im Namen der Gerechtigkeit. Wie gefährlich Kultur ist, bewarb der Verlag und Buchladen Rote Straße schon vor Jahrzehnten mit dem ironischen Satz: „Lesen macht dumm und gewalttätig.“

An den Schulen lassen wir Goethe, Heine, Kleist und Zweig lesen, um die Schüler in ihrer Fernsehfreizeit mit dümmlichsten deutschen Fernsehproduktionen zu kasteien. Die Ausnahmen im ÖR sind rar und werden lieblos auf Sendeplätze gedrängt, die nur von wenigen Menschen besucht werden. Die Frage, warum ARD und ZDF immer mehr zum Ü-60 Programm mutieren, stellt sich überhaupt nicht. Wichtiger wäre die Frage, weshalb dies nicht geändert wird. Die Argumente für öffentlich rechtliches Fernsehen scheinen alle richtig. Ja, wir wollen Fernsehen, das sich dem Bildungsauftrag verschrieben hat, nein, wir wollen keine Beeinflussung durch große Konzerne. Ja, wir wollen kritisch informiert werden, ja, wir wollen Programmvielfalt. 

Aber was bleibt von den Versprechen übrig? Bildungsauftrag? Ist wohl ins Kleingedruckte gerutscht. Keine Beeinflussung durch Konzerne? Lachhaft. Programmvielfalt? Nicht wirklich. Kritische Informationen? In einigen Politsendungen ist das der Fall, aber doch nicht in den großen Nachrichtensendungen, wo jedes Thema auf 30 Sekunden herunter gebrochen wird. Da berichteten die meisten Tageszeitungen und Internetblogs und alle Wochenmagazine wesentlich ausführlicher. Und die sind doch nicht staatlich, sondern privat. Diese guten Gründe sind Scheinargumente.

Die ÖR Sender gehören schleunigst reformiert. Sie sind Zwangsbezahlfernsehen, die immer mehr fordern und immer weniger liefern. Für den Unterhaltungsbereich gilt es, bei den Cablenetworks und der alten Tante BBC, sowie Channel 4 zu lernen. In England werden Talente ran gelassen, die Unterhaltung mit kritischen Untertönen oder sogar offen politischen Themen produzieren, die spannend und unterhaltend sind. Das darf Kultur genannt werden. Zudem kündigte die BBC schon 2004 an, einen großen Teil des von ihr angefertigten Materials ins Netz zu stellen, nicht nur für kurze Zeit. Vorbildlich. Jedoch ist das vollmundige Versprechen bisher nicht ganz eingelöst worden, viele der großen Schätze des Senders sind noch immer nicht jedermann zugänglich.

Inhalte deutscher Fernsehanstalten werden in der Regel nach 7 Tagen depubliziert. Dieses Unwort, das eher an preußische Zensur aus dem vorletzten Jahrhundert erinnert, zeigt den traurigen Wahnsinn, mit welcher Einstellung es der zahlende Zuschauer zu tun hat. Die Depublikationspflicht ist im Rundfunkstaatsvertrag festgeschrieben. Eine Enquete-Kommission des Bundestages empfahl allerdings im Januar 2013 ausdrücklich deren Aufhebung. Es darf auch nicht verschwiegen werden, dass diese Maßnahme zum Teil auf eine Initiative der Privaten zurückzuführen ist, die vor der EU Kommission Beschwerde wegen Wettbewerbsverzerrung eingelegt haben.

Kehren wir zu den Inhalten der Unterhaltung zurück. Was wird neben Sport, Krimi, Gala und Quiz geboten? Ein Einheitsbrei für ein leicht zu befriedigendes Publikum. Ob humorlose Komödien oder langweilige Dramen, häufig steht die Deutsche Gesellschaft für Ton und Film (DEGETO) dahinter, die in den 30er und 40er Jahren für die Propagandafilme zuständig war und heute die Einkaufsgesellschaft der ARD ist. Bevorzugt lässt man von Regina Ziegler produzieren, die mit weit über 400 Filmtiteln die unangefochtene Nummer 1 im deutschen Fernsehgeschäft ist.

Bei DEGETO Filmen drängt sich der Eindruck auf, die brauchen überhaupt keinen Hays Code - die sind wirklich so einfallslos und spießig. 

 Martin B. Münch