Die Angst von Enten angestarrt zu werden - Interview mit Dr. Trash

Posted by admin on May 19, 2014

 

Eine Begegnung zwischen Dr. Trash, Low Level Electronic Street Art Künstler, Betreiber des Blogs Dr. Trash in Entunassa auf Blogspot.de – und Martin B. Münch
Dr. Trash stellt vorwiegend im öffentlichen Raum in Altona aus. Es sind kleine Spielereien, die nicht in das alltägliche Straßenbild passen, Risse in der Matrix, die innehalten lassen und zum Nachdenken anregen. Das kann eine Dose sein, die blinkt, oder ein elektrischer Vogel, der unter einem Dachfirst den Betrachter belauert. Sein Motto: „Finde eine Idee. Sammle Material. Bau es zusammen. Stell es aus. Warte, bis es weg ist.“ erklärt er auf www.doktortrash.blogspot.de näher.
Wo beginnt Kunst? Wo sind ihre Grenzen? Was ist überhaupt Kunst? Fragen, die gestellt werden, seit dem es den Begriff Kunst gibt. Ist, was in Galerien ausgestellt wird, per se Kunst? Wie lässt sich Kunst im öffentlichen Raum definieren? Bedingt unser Kunstbegriff die Aura und das Moment der Einmaligkeit? Entsteht Kunst im Auge des Betrachters? Diese und andere Fragen wollte ich mit dem Electronic Street Art Künstler Dr. Trash besprechen. Doch es kam alles ganz anders.

 

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MBM: Wollen wir über den Kunstbegriff sprechen?
DR. TRASH: Nein, da habe ich mir mehr als ein Jahr Gedanken drüber gemacht. Kunst entsteht im Kopf des Künstlers und da bleibt sie auch drin.
MBM: Die Gegenthese ist ja: Kunst entsteht im Auge des Betrachters.
DR. TRASH: Aha. Und wenn Dir zu einem Kunstwerk nichts, aber auch gar nichts erklärt wird - was weißt Du dann über die Absichten des Künstlers? Nichts.
MBM: Umberto Eco sagt zum Thema der Interpretation, dass ein Text, wenn er den Verfasser verlassen hat, in den Händen des Lesers liegt und da er nicht jedem einzelnen Leser den Text interpretieren kann…
DR. TRASH: Sag mal, kann es sein, dass Du zu viel liest?
MBM: Ok, fangen wir noch mal von vorn an. Schön, dass es heute geklappt hat.
DR. TRASH: Ja, das finde ich auch. Ich habe Dir auch etwas mitgebracht. Du kannst ja schon mal einen Blick auf mein nächstes Projekt werfen.
Er überreicht mir einen kleinen grünen Karton. Die Aufschrift verrät, dass es sich um medizinisches Material handelt. Genauer: um Silikon Testikel.
MBM: Das ist sehr beunruhigend. Hattest Du einen Unfall?
DR. TRASH: Nein, das ist nur die Verpackung. Aber die fand ich sehr schön. Sieh mal in welchen Größen es die Dinger gibt.
Ich zeige mich beeindruckt und öffne die Verpackung. Zum Vorschein kommt ein Steckbrett mit Widerständen und Dioden.
DR. TRASH: Ich nenne es das Seezeichen.
MBM: Es ist nicht auf Anhieb erkennbar, was es kann.
DR. TRASH: Ich erkläre es Dir gern [steckt die Batterie an das Steckbrett und wir sehen zwei Leuchtdioden langsam blinken]. Ich habe diese Schaltung gefunden, sie heißt "Phasenschieber-Tongenerator". Ich habe damit rumprobiert und den Ton, also die Schwingung so langsam eingestellt, dass man sie sehen kann. Mich erinnert das langsame auf-und-ab-Leuchten an das Betrachten eines Leuchtturmes am Meer - wenn der sich so dreht und der Lichtkegel vorbeizieht. Ich arbeite ja am liebsten mit Schaltungen aus dem Analogzeitalter. Kein Raspberry, kein Atmel, kein PIC, kein Arduino. Lieber ehrliche Bauteile und Schaltungen, an denen ich rumprobieren kann. Wenn digitales Zeug nötig ist, dann mit konventionellen Digital-ICs.
MBM: Du steckst ziemlich viel Arbeit in Deine Projekte. Neben dem Bauen. Vor der Ausstellung gehen sie in eine ziemlich lange Prüfphase.
DR. TRASH: Ich mache mir gern ein Bild von der Überlebensfähigkeit der Sachen, die ich in die freie Wildbahn entlasse. Das muss ja auch funktionieren und nicht beim ersten Kälteeinbruch oder Regensturm ausfallen. Ich will den Betrachtern ja auch was bieten. Die elektronischen Projekte sind für eine Batteriefüllung ausgelegt, oder auch für zwei. Der Zeitraum kann von ca. 100 Tagen bis weit über ein Jahr sein. Zu „Arbeit“ fällt mir ein: Weißt Du, worüber Männer am häufigsten klagen?
MBM: Nein.
DR. TRASH: Arbeit und Schmerzen! Das haben Umfragen ergeben. Das habe ich in einer RTL-Sendung gesehen, in der Mijra Boes und Kai Ebel mitgemacht haben.
MBM: Klingt nachvollziehbar.
DR. TRASH: Ja, und ich hatte eine Kollegin, die wiederholt gesagt hat, Männer bräuchten mehr Schmerz.
MBM: Was macht die? Custom Service?
DR. TRASH: Nee. Kickboxen, glaube ich.
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MBM: Wollen wir über Kunst im öffentlichen Raum sprechen?
DR. TRASH: Klar, sieh Dir mal die Scheiße da drüben an.
Wir stehen unweit der Elbphilharmonie.
MBM: Darüber habe ich schon bei der Planung gelacht.
DR. TRASH: Klar, aber inzwischen kann man kaum noch lachen. Was hätte man alles mit dem Geld machen können? Zum Beispiel: die Hälfte aller Fahrradwege in Hamburg überdachen. Was ist?
MBM: Ich freue mich gerade. Sich über die Verschwendung zu echauffieren ist ja zum common sense geworden, aber Du bringst ad hoc einen Verwendungszweck, der einleuchtet. Ich würde aber gern noch einmal auf Kunst im öffentlichen Raum als Thema zurückkommen. Dinge, die Menschen außerhalb von Galerien erfreuen oder zum Nachdenken anregen können…
DR. TRASH: Ja.
MBM: Was hältst Du von den Lichtspielen des CCC? Beispielsweise im Haus des Lehrers am Alexanderplatz oder in Paris, wo eine Seite der National Bibliothek für das Arcade Projekt genutzt wurde?
DR. TRASH: Du meinst „Blinkenlights”?
MBM: Genau. Beim Arcade Projekt wurde die gesamte Fensterfront quasi als Videoleinwand für Clips oder Grußbotschaften per SMS genutzt.
DR. TRASH: Man konnte darauf auch Pong spielen. Fand ich sehr witzig…
MBM: Würde Dich ein Projekt dieser Größenordnung reizen.
DR. TRASH: Nein.
MBM: Warum nicht?
DR. TRASH: Weil man dafür Atomstrom braucht, oder zumindest ein 230V-Kabel. Meine Projekte müssen autonom funktionieren. Also über Solar oder Batterien.
MBM: Das klingt ziemlich strikt.
DR. TRASH: Da steht eine Entscheidung dahinter. Das ganze Konzept ist ja mit wenigen Sätzen zusammenzufassen. Finde eine Idee. Sammle Material. Bau es zusammen. Stell es aus. Warte, bis es weg ist.
Ich verwende meist Altmaterial, also Kram, den ich rumliegen habe, geschenkt bekomme, oder den ich finde. Ich kaufe nur dazu, was ich nicht improvisieren kann. Batterien z.B. muss ich auch kaufen.
Eine 230V-Versorgung eröffnet natürlich tolle Möglichkeiten, aber ich finde, es sprengt den Rahmen bzw. passt mir nicht ins Konzept: Das ist dann kein Street Art, sondern eine Installation.
MBM: Letzte Frage: Eine deiner Arbeiten, die auch in unter doktortrash.blogspot.de zu bewundern ist, trägt den Namen Angry Bird / Anatidaephobie. Ist das eine Urangst von Dir, von Enten angestarrt zu werden?
DR. TRASH: ich habe keine Angst, von Geflügel angestarrt zu werden. Ich hab nur schon mal eine Liste schräger Phobien gesehen, worin mich die Entenangst am meisten überrascht, sagen wir - belustigt hat.
Im Übrigen neige ich dazu zu glauben, dass der eigentliche Erfinder dieser Angst Gary Larson ist. Die Patienten haben sein Bild gesehen und dann gedacht: "Stimmt, jetzt wo ich es weiß, dass es das gibt...nun hab ich es ebenfalls." Self fulfilling prophecy, aber wie gesagt, nur meine Meinung.
Was lag also näher, als einen elektrischen Vogel aufzustellen? Falls Du es nicht bemerkt hast: Von diesem Schaustück ist lediglich der Zauberkasten entwendet worden, also der elektrische Augenantrieb - der nun blinde Vogel selbst ist noch immer an seinem Platz.
Wenn einer nur skurril genug denkt (also, so denkt wie ich), dann ist der Grund dafür, dass der Vogel noch da ist… die Anatidaephobie.
MBM: Danke.
DR. TRASH: In diesem Sinne! Vielen Dank für die Gelegenheit zur schonungslosen Selbstdarstellung.