Deutschland muss sterben – Biographie einer Langenhorner Band

Posted by admin on July 11, 2013

Langenhorn ist ein ambivalenter Ort. Früher eine Dorfgemeinschaft mit einem gewissen Hang zur Unabhängigkeit, dann Ausflugsziel für Großstädter, später Stadtteil, der sich seines Dorfcharakters noch lange rühmen wollte. Die Einwohner immer schon sehr heterogen und mit Potential zur Widerspenstigkeit. Ob Dänen, Franzosen, Russen oder Nazis, wer hier probierte Fuß zu fassen, stieß auf erheblichen Widerstand der Bevölkerung.
Es mag Zufall sein, es mag an der Geschichte dieses Ortes liegen, dass zwei der drei am längsten amtierenden Politpunk Bands Deutschlands Ende der 70er im gleichen Stadtteil gegründet wurden. Die Rede ist natürlich von Slime und Razzia. Sie gehören neben Rodrigo Gonzales, dem heutigen Bassisten der Ärzte und James Last zu den wichtigsten musikalischen Exportgütern aus LH. Zur erstgenannten Band ist jüngst ein Buch erschienen, das neben einer Menge Lokalkolorit auch wissenswertes zur Wandlung des FC St. Pauli in den 80ern und den Einfluss der politischen Punks auf die Stadionpunkbands und heute renommierten deutschen HipHop Acts zu berichten weiß. Die legendären Stücke „Bullenschweine“ und „Deutschland muss sterben“ ihrer ersten Platte, wurden zu den Chartbreakern der bundesrepublikanischen Nachkriegszensur. Erst im November 2000 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass die Umkehrung des Satzes auf dem Hamburger Kriegerdenkmal Kunst im Sinne des Grundrechts sei. In seiner Urteilsbegründung zitierte das BVG Heinrich Heines "Die Weber" in voller Länge.
Der Autor Daniel Ryser hat versucht ein Schwergewicht zu stemmen, was ihm zur Hälfte glückte und mit der anderen Hälfte erdrückte. Ryser selbst ist im Gründungsjahr der Band geboren. Damit ist das Zeitgeschehen der 70/80er Jahre – kalter Krieg, geteiltes Deutschland, RAF, Natodoppelbeschluss, Hausbesetzerszene, Anti-Akw-Bewegung – für ihn erlernte und nicht erfahrene Geschichte. Auf der anderen Seite gelingt es ihm, viele Stimmen der Zeit aufzuzeichnen, glaubwürdige Zeugen für die Bedeutung dieser Bewegung zu finden und eine neutrale Perspektive gegenüber den Zerwürfnissen, die die verschiedenen Besetzungen der Band kennzeichnen aufrecht zu erhalten. Und es gelingt ihm musikalische Genialität zu benennen, wo andere eine Kakophonie wittern. Ein hübsches, kleines Geschichtsbuch, zu einer Epoche, deren Relevanz und Nachhall noch lange nicht vollständig ausgelotet wurden. Eine Annäherung. Überraschend lesenswert.

Martin B. Münch